Ecology & Community:
Cultural Environmental Perspectives

Landschaftschoreografien

Ökologien des Sozialen

Dr. Julia Wehren

Das Projekt untersucht Landschaftschoreografien als eine historisch spezifische Entwicklung der site specificity (Hunter/Turner 2025). Es geht von der Beobachtung aus, dass Choreografien in und mit Landschaft seit der COVID-19-Pandemie in der europäischen Tanzszene besondere Virulenz erhalten haben. Begründet durch gesundheits-, produktions- und kulturpolitische Vorgaben mussten Kreationen ab 2020 ausserhalb von baulichen Einrichtungen wie Theaterhäusern erarbeitet werden. Gleichzeitig wurde das Bewusstsein für die ökologische Verantwortung der Menschen gegenüber der Zerstörung ihrer Umgebung immer drängender. Vielfältige Interventionen im öffentlichen Raum verbinden seither gesellschaftliche und ökologische Themen und Anliegen mit partizipativen Formaten in der Landschaft.

Sie suchen – so die Annahme des Projekts – nach Wegen, die Wahrnehmung von Natur, Landschaft und (urbanem) Umraum in eine körperliche Resonanz zu bringen, um sie gleichzeitig umzuschreiben, sie in Bewegung zu versetzen und Veränderungen in Gang zu bringen. Sie schärfen als ‘Soziale Choreografien’ das ökologische Bewusstsein und erproben neue Formen des Zusammenlebens.

„Sustainable Creative Processes“, Gregory Stauffer, Videostill 2024

Das Projekt fasst die künstlerischen Arbeiten als Landschaftschoreografien, in denen ‘Landschaft’ durch die relationale Bezugnahme von menschlichen und nicht-menschlichen Körpern in der Bewegung performativ hervorgebracht wird (Ingold 2021). ‘Landschaft’ ist dabei als physischer Raum und Habitat verstanden, der in der künstlerischen Anlage zum Gegenstand von Kontemplation, Reflexion und Immersion wird. Landschaftschoreografien können dabei unterschiedliche Formen annehmen: Mikroskopische Erkundungen des eigenen Körpers im Wald, wie beispielweise in den prozesshaften und immersiven Arbeiten des Schweizer Künstlers Gregory Stauffer (Stauffer 2024). Oder technisch aufwändige und theatral ausgestaltete Dispositive im Aussenraum, wie in WASTEland von Claudia Bosse (2025) oder Paysages partagés von Rimini Protokoll und dem Théâtre de Vidy-Lausanne (2023) in Form von Spaziergängen, score-geleiteten Anlagen, sensorischen Parcours, Audiowalks oder auch medial vermittelten Kontaktstellen mit ‚Natur‘ (beispielsweise durch augmented reality). Auf diese Weise rufen sie spezifische choreografische – räumliche und soziale – Erfahrungen von Landschaften hervor.

Das Projekt ist Teil des SNF-Forschungsprojekts Soziale Choreografien (2024–2028) am Institut für Theaterwissenschaft.

Prekaritätschoreografien

Klimawandel und Körpererfahrung

M.A. David Castillo

Der Klimawandel rückt südpazifische Inseln in den Fokus weltweiter Aufmerksamkeit. Aufgrund ihrer prekären geografischen Lage (der geringen Höhe über dem Meeresspiegel) stellen klimatische Veränderungen eine Bedrohung für die Lebensgrundlage ihrer Bewohner:innen dar.

Tänzer:innen sind besonders geschult und erfahren darin ihren Körper, den Raum, der sie umgibt und die räumliche Beziehung zwischen menschlichen und geografischen Körpern (wie Atollen, Inseln, Lagunen, Meeresböden und Stränden) wahrzunehmen. Aus diesem Grund sind sie bestens geeignet, um zu verstehen, wie der Klimawandel auf einer körperlichen, alltäglichen Ebene wahrgenommen, gefühlt und erlebt wird.

Tarawa (Kiribati) ©ESA 2020